Freude an und zugleich Sorge um die bedrohte Natur bilden für mich die zwei Seiten der gleichen Medaille. Unter diesen Aspekten stellt die Fotografie für mich eine sinnvolle Aufgabe dar.

Ganz allgemein liegt mir viel daran, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, wie fragil und gefährdet unsere natürliche Umgebung ist - insbesondere wenn die Durchsetzung ökonomischer Interessen eine Rolle spielt. Mit meinen Bildern möchte ich einen kleinen Beitrag für ein tieferes Naturverständnis wecken. Der Erhalt unserer natürlichen Umgebung, egal in welchem Land, ist wichtig – wir brauchen sie als „Zufluchtsort“, als „heile Gegenwelt“ für eine durch Technik, Industrie und Digitalisierung rasant beschleunigte, urbane Gesellschaft.

Überreizt durch unsere virtuelle Hightech-Welt, überfordert, müde oder gar ausgebrannt entwickeln wir eine Sehnsucht nach Naturerfahrung und erkennen, dass Natur eine Notwendigkeit darstellt. Nicht nur eine Rohstoffquelle, sondern auch eine Quelle der Erholung, Ruhe, Einkehr, Besinnung und Reflexion, bewirkt sie eine verbesserte Selbstwahrnehmung und die Wiederentdeckung der Sinne oder von Leben an sich.

Die Erkenntnis von Albert Einstein, auch wenn von ihm in einem anderen Kontext gewonnen, hat nichts an Bedeutung verloren: "Schau ganz tief in die Natur, und dann verstehst Du alles besser".

Beispielsweise in den USA: Die Schönheit des amerikanischen Südwestens ist sein ärgster Gegenpart. Noch Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre konnte man den Antelope Canyon in Arizona in seiner fast ursprünglichen Unberührtheit besichtigen. Jeeptouren beispielsweise, wurden dort hin - wenn überhaupt - nur vereinzelt angeboten. Zu jener Zeit bin ich vom Zaun an der US98 noch zu Fuß zum Canyon gewandert. Damals gab es dort weder Parkplätze, noch Kassen- oder Toilettenhäuschen.

Heute ist der Antelope Canyon zu einer Pilgerstätte geworden, die beinahe täglich von hunderten Besuchern und Fotografen belagert wird. Gleichsam ein Beispiel stellvertretend für viele andere - eben die Rückseite derselben Medaille. Der bittersüße Beigeschmack einer hier nur oberflächlich angeritzten Entwicklung, begünstigt u. a. durch Bücher, Magazine, das Internet und Google Earth mit Fotos und GPS-Koordinaten.

Unser immer kleiner werdender Planet, auf dem jeder noch so verborgene Ort von Touristenscharen und Fotografen aufgesucht wird, hält kaum noch Überraschungen bereit. Rückblickend betrachtet eine neue Qualität, die mir Sorgen bereitet und mich im Vorfeld hat lange überlegen lassen, ob ich meine Bilder in diesem Medium der Öffentlichkeit zugänglich machen soll.

Ich bin mir dieses offensichtlich zweischneidigen Schwertes bewusst. Einerseits sollen Sie sich an meinen Bildern erfreuen und werden eventuell sogar animiert, sich ebenfalls auf die Reise zu begeben, um die dortigen Naturschönheiten mit eigenen Augen zu sehen. Andererseits trage ich ohne Absicht indirekt dazu bei, dass eben diese oftmals abgelegenen, fast ursprünglichen und mitunter sehr fragilen Gebiete sowie die kulturhistorisch bedeutsamen Stätten der indigenen Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen werden.

Gleichwohl wünsche ich Ihnen, dass Sie die Landschaften des Südwestens der USA ebenso verzaubern wie Unzählige andere, Sie die Größe der Natur und die Kleinheit des Menschen erfahren.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle deshalb folgende Empfehlung: Intelligentes Reisen, das sich am Menschen und an der Umwelt orientiert, will gelernt sein. Pflegen Sie den achtsamen und sorgsamen Umgang mit der Natur, der Tier- und Pflanzenwelt. Begegnen Sie den Nachfahren der Ureinwohner mit Respekt – auch wenn die Lebensverhältnisse für diese Menschen auf den ersten Blick nicht immer zum Besten stehen.

Es ist nicht meine Absicht andere zu beschränken - und Reisen muss nicht zwangsläufig zu fortschreitender Zerstörung von Natur und Landschaft führen. Hinterlassen Sie jedoch im wahrsten Sinne des Wortes allenfalls Fußspuren und keinen Abfall. Die amerikanische Redewendung hierzu lautet: Leave no trace. Pack it In, Pack it Out.

David Muench, einer der meist geachteten Naturfotografen aus den USA, brachte es einmal folgendermaßen auf den Punkt: Without taking sides, I’ll just say that a permanent human presence in a place seldom enhances its sacredness...

..und

I often wonder: With all our technology,
have we really learned anything about nature
except how to suppress it?

David Muench

Ich bin kein Besserwisser oder Moralonkel, doch erlauben Sie mir - bezogen auf unsere Gefilde - noch eine Anmerkung: Wir können uns nicht dem offensichtlichen Trend der fortschreitenden Zerstörung unserer Lebensgrundlage entziehen. Egal ob es sich um industriell geprägte, großflächige Beeinträchtigungen oder lediglich um Hinterlassenschaften rücksichtsloser Zeitgenossen nach sommerlichen Grillfeiern an den Ufern der Dreisam handelt.

Dazwischen liegt ein Spektrum von Entwicklungen, das zunehmend bedrückt, beunruhigt und betroffen macht. Der Mensch als Fehlkonstruktion steht im Mittelpunkt, oder besser, im Kreuzfeuer.

Sie kreiden mir diese These als steil und haltlos an? Nun, Flora und Fauna waren einst im Einklang auf unserem Planeten - unvergleichlich und kostbar in diesem Universum. Eine einzige Spezies zerstört ihn auf Kosten aller anderen. Nur der Mensch hat die Erde seinem widersinnigen Verhalten und seinen zweckdienlichen Zielen angepasst. Irgendwann wird er Opfer seiner eigenen Macht und das von ihm geschaffene System zum Auslaufmodell.

Unser größtes Problem ist, dass wir die Verbindung zur Natur verloren, uns von ihr entfremdet haben, obwohl wir selbst Teil davon sind. Wir strecken die Hand nach anderen Planeten aus und denken über dortige neue Lebensformen für uns nach, während wir systematisch unseren Heimatplaneten plündern und zu Grunde richten. Tun wir dies eventuell schon in dem Bewusstsein, dass wir bereits die letzten Nägel in unseren eigenen Sarg schlagen? Arbeiten wir an neuen Mitteln und Wegen, um uns aus dem Staub zu machen und einen neuen Ort mit unseren Errungenschaften zu verschandeln?

Einige zugegebenermaßen anstößige Mutmaßungen – aber schon das Manifest eines Chief Seattle Mitte des 19. Jahrhunderts besagt:

This we know: the earth does not belong to man,
man belongs to earth. All things are connected like
the blood that unites us all. Man did not weave the
web of life, he is merely a strand in it. Whatever he
does to the web, he does to himself.

Das sagt doch alles, oder nicht?



Is there inteligent life on other worlds?
Ask rather, is there intelligent life on earth?

Edward Abbey in "Desert Solitaire"



Mensch: die Krönung der Schöpfung.
Wie schade, dass es eine Dornenkrone ist.

Stanislaw Jerzy Lec



Der Mensch hat eine Spätzündung.
Er versteht alles erst in der nächsten Generation.

Stanislaw Jerzy Lec



Die Konsequenz der Natur tröstet schön über die Inkonsequenz der Menschen.

Johann Wolfgang von Goethe